Das Treffen mit Baba Yaga

Aktualisiert: 3. Nov. 2021

Die letzten Tage um Samhain musste ich an die Geschichte von Baba Yaga denken und habe mir diese erneut zu Gemüte geführt. Eine wunderbare Geschichte über die Intuition, die ich nun mir dir teilen möchte:

Es war einmal und war auch nicht eine sterbende Mutter die Ihre kleine Tochter Vasalisa zu sich rief, um Abschied zu nehmen. «Nimm diese Puppe, behalte sie immer bei dir» und gab dann diese ihrer Tochter mit den letzten Atemzügen. «Falls du Hilfe brauchst oder den Weg verlierst, frage diese Puppe um Rat. Behalte sie immer bei dir und erzähle niemanden von ihr. Kümmer dich gut um die Puppe, dann wird sie dir weiterhelfen.» Und so starb die Mutter. Lange Zeit trauerten der Vater und das Kind, welche sich gut um ihre Puppe kümmerte und eines Tages verkündete dann der Vater, dass er sich mit einer Wittwe mit zwei Töchtern vermählt hat. Alsbald zogen die neue Stiefmutter mit ihren Töchtern in das Haus des Vaters ein und quälten Vasalisa und sie liess sich alles gefallen. Zum Höhepunkt der Quälereien liessen die Stiefschwestern wissentlich das Feuer ausgehen, um Vasalisa zu der alten Hexe Baba Yaga zu schicken, damit Vasalisa von ihr mit Haut und Haaren gefressen wird und sie ihre Ruhe haben. Und so geschah es, Vasalisa begab sich auf den Weg in den dunklen, unheimlichen Wald. Bei jeder Abzweigung fragte sie die Puppe, wohin sie gehen soll und die treue Puppe half ihr. Ein weissgekleideter Reiter auf einem weissen Hengst preschte an ihr Vorbei als der Morgen schon graute. Ein Stück weiter auf dem Weg begegnete sie einem rotgekleideten Reiter auf einem Roten Pferd der an ihr vorbei galoppierte als die Sonne schon aufging. Am Abend erreichte Vasalisa dank der Hilfe ihrer Puppe Baba Yagas Hexenhaus, welches zu tiefst einschüchternd wirkte. Der Zaun vor dem Haus bestand aus alten Gebeinen und aufgespiessten Totenschädeln, die in der Dunkelheit von innen her zu glühen begannen und ein gespenstisches Licht verbreiteten. Das Haus selbst stand auf gelben Hühnerbeinen die hin und wieder zuckten und manchmal mit dem ganzen Überbau umhertanzten. Und plötzlich entdeckte Baba Yaga das Mädchen; «Was hast du hier zu suchen?» kreischte die alte Hexe grimmig. Zitternd entgegnete Vasalisa; «Grossmutter, ich bin gekommen um dich um Feuer für meine Familie zu bitten.» «Du Nichtsnutz hast das Feuer ausgehen lassen, sag mir warum soll ich dir helfen?» «Weil ich dich darum bitte.» Entgegnete ihr Vasalisa. «Glück gehabt, das ist die einzig richtige Antwort – aber ich helfe dir nur, wenn du die Aufgaben erfüllst, die ich dir stelle. Wenn es dir nicht gelingt, musst du sterben.» Vasalisa willigte in diesen Handel ein. Vasalisa bekam die schwersten Aufgaben, war verzweifelt und fragte ihre Puppe, was sie denn nun tun soll. Die Puppe entgegnete ihr, dass sie keine Angst haben muss und half Vasalisa diese unlösbaren Aufgaben zu bewältigen. Die Hexe konnte es kaum fassen und so nahm Vasalisa ihren ganzen Mut zusammen und fragte die Grossmutter, was die Reiter zu bedeuten haben. «Der weisse ist mein Tag, der Rote ist meine aufgehende Sonne und der Schwarze Reiter ist meine Nacht. Aber nun haben wir genug geredet, ich will dich nicht mehr hier haben» und mit diesen Worten riss die alte Hexe ein Totenschädel von ihrem Zaun ab und reichte ihn Vasalisa. «Nimm diesen Feuerschädel und nun kein Wort mehr. Mach dich auf den nach Hause Weg. Vasalisa rannte die Nacht hindurch und die Puppe zeigte ihr den Weg nach Hause. In der Dunkelheit sprangen Flammen aus dem Schädel und Vasalisa begann sich zu fürchten. «Beruhige dich und trage mich nur unbeirrt zu dem Haus, in dem deine Stiefmutter und deine Stiefschwestern leben.» entgegnete ihr der Totenschädel. So kam Vasalisa nach Hause an und die Stiefmutter und ihre Töchter konnten es kaum fassen, dass Vasalisa den Schrecken der furchtbaren Baba Yaga überlebt hatte. Scheinheilig bedankten sie sich bei Vasalisa und gaben zu, dass es ihnen in der Zeit nicht gelungen war, selbst ein Feuer zu entfachen und so zündete Vasalisa das Feuer an und legte sich dann zum Schlafen ins Bett. In dieser Nacht berieten sich die Stiefmutter und ihre Töchter, wie sie Vasalisa ein weiteres mal quälen können. Der feurige Totenkopf beobachtete jede ihrer Bewegungen und brannte sich in sie ein und liess sie nirgends zur Ruhe kommen. Und als Vasalisa am nächsten Morgen erwachte sah sie, dass nur noch ein Häuflein Asche von den dreien übrig war.



In dieser Geschichte geht es um die Kraft der weiblichen Intuition, ein Vermächtnis von der Mutter auf ihre Tochter – von einer Generation in die nächste. Wer sich der Dunkelheit stellt und die Aufgaben erfüllt, entwickelt eine intime Beziehung zur eigenen Intuition. Baba Yaga ist eine Variante der wilden urzeitlichen Göttin, welche als Zeremonienmeisterin des weiblichen Einweihungsrituals Aufgaben stellt. Die erste Aufgabe; die Mutter sterben lassen. Die Aufgabe besteht darin selbständig zu werden, selbst wachsam sein und für sich sorgen. Die Puppe dient in der Geschichte als Verkörperung der Intuition, denn die sterbende Mutter weiss, dass sie im Leben ihres Schützlings über die Jahre der Kindheit und frühe Jugend hinaus keinen Platz hat. Unsere Aufgabe besteht darin loszulassen, uns loszureissen von der Brust die uns einst grossgezogen hat. Eine wilde Mutter wartet da draussen auf alle, die in die tieferen Geheimnisse des Lebens eingeweiht werden wollen. Sie ist hart und stellt uns auf die Feuerprobe, aber ihre Härte entspringt einer tiefen Weisheit, denn diese Mutter will ihren wilden «Kindern» alle Kunststücke und Schleichwege, alle Mysterien des Diesseits und Jenseits offenbaren. Die Stiefmutter mit den zwei Töchtern stell die «böse» Dreifaltigkeit dar. Sie verkörpern die eigenen Schattenseiten, diese welche man selbst konfrontieren sollte – die ausschliessenden, eifersüchtigen und ausbeuterischen Elemente des Selbst. Man muss sich die Schattenaspekte der Psyche eingestehen und die bestmögliche Beziehung zu den negativen Energien im eigenen Innern herstellen. Im Endeffekt wird hier darauf hingearbeitet eine alte Persönlichkeit sterben zu lassen, damit das neue und intuitive Selbst auferstehen kann. Sich freiwillig in die Dunkelheit und in die völlig unbekannten Tiefen der Psyche zu begeben und sich einzig und allein an der eigenen Intuition orientieren – dies ist ein weiterer Kernaspekt dieser Geschichte. Ein Gespür entwickeln, welches als Wegweiser durch das innere Dickicht dient, bis man den Wohnsitz der wilden Mutter ausfindig gemacht hat. Lernen, auf welche Weise die Kräfte der Intuition gestärkt werden (die Puppe pflegen). Auf dieser Stufe lässt eine Frau das ängstlich bemühte, unbewusst gefallsüchtige und um Anerkennung bettelnde Mädchen in ihrem Innern noch weiter absterben. Das Kraftzentrum wird auf die eigene Intuition verlagert. Dann ist man bereit der weiblichen Urnatur entgegenzutreten und ihren Anblick ertragen, ohne sich abzuwenden oder gar zu fliehen, der ursprünglichen und oft abstossenden Andersartigkeit in einem selbst vertraut machen. Baba Yaga ist furchterregend, denn ihr Wissen und ihre Macht können ebenso vernichten wie Leben spenden. Doch Vasalisa geht auf sie zu und erkenn die Göttlichkeit der wilden Mutter in all ihrem Schrecken an. Viele Frauen sind dieser Tage im Begriff, sich von ihren traditionellen «Immer-lieb-und-nett-sein-Komplex» zu erholen, diesem Zwangsverhalten, das sie, ganz gleich wie sie sich wirklich fühlen und ganz gleich wer sie angreift und übervorteilt, automatisch so zuvorkommend süsslich reagieren lässt, dass sie quasi an Überzuckerung dahinsiechen. Die Instinkt-Natur erscheint Vasalisa in dieser Einweihungsgeschichte in Gestalt einer Hexe, was heutzutage als Schimpfwort gilt, aber in vorchristlichen Zeiten eine Bezeichnung für mit Heilkräften begabte Medizinfrauen war. Das englische Wort für Hexe ist witch, und witch kommt von wit, was «weise» bedeutet oder auch «blitzschnelle Umsetzung geistiger Funktionen». Bei der Frage zu den Reitern gibt Baba Yaga sich als eine Form der Göttin Demeter zu erkennen, Gebieterin über eine vielfarbige Schar von Pferden und Reitern, welche am Morgen die Sonne über dem Horizont hinaufziehen und, wenn es Abend wird, den Mantel der Dunkelheit über das Land breiten. Schwarz steht für die Vernichtung alter Wertvorstellungen, das Rot für das Opferblut der verlorenen beziehungsweise durchschauten Illusionen und das Weiss als die Farbe des neuen Bewusstseins, das nach den Erfahrungen mit den beiden ersten Farben umso heller leuchtet. Der leuchtende Totenschädel symbolisiert der Aufstieg aus den Tiefen der Unbewusstheit in das Lichtreich der intuitiven Geisteskraft. Wenn eine Frau so weit gekommen ist, hat sie den Schutzmantel der Mutter in ihrer Psyche abgestreift und gelernt den Widerständen der Aussenwelt ohne übertriebene Anpassung entgegenzutreten. Es mangelt ihr weder an Selbstvertrauen noch am Verständnis dessen, was sie von ihren Ahnen mitnehmen darf. Vasalisa will das glühende, durchbohrende Bewusstseinsfeuer fortwerfen, weil es ihr zu heiss wird und sie nicht weiss, was ihr al dies Wissen nützt. Tatsache ist, dass es leichter ist, das Geistfeuer wegzuwerfen und weiter zu schlafen. Es ist nicht einfach den Schädel auf einem Stock vor sich herzutragen, denn mit ihm sieht man jede Schattenseite der eigenen Psyche. Jede Frau, die ihre Intuition und ihre Yaga-ähnliche Kräfte zurückgewinnt, gelangt an einen Punkt, an dem sie sie am liebsten wieder von sich schleudern würde. Eine gute Intuition zu besitzen, gute Kraft daraus zu ziehen bedeutet Arbeit. Es kostet Mühe, den Willen zu mobilisieren, um sich mit dem Gesehenen zu befassen, zum Guten oder um es ins Gleichgewicht zu bringen. Manchmal wäre es leichte, das Licht wegzuwerfen und wieder einzuschlafen. Die wilde Frau in uns ist das Geschöpf, das wagt, schafft und voll Weisheit zerstört. Sie ist die ursprüngliche primitive Schöpferseele, die alle kreativen Taten und alle Künste möglich macht. Sie lässt uns aus dem vollen schöpfen, den Dingen Leben einhauchen und wenn der Atem ausgeht und etwas sterben muss, nimmt sie den unsterblichen Wesenskern in ihren Mutterschoss zurück um in neu zu gebären.


Inspiriert und Teile aus "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola Estés




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